Neue Einsatzplätze für weltwärts 2010/2011
Neue Einsatzplätze gibt es ab August 2010 für den Freiwilligendienst weltwärts. Im nächsten Jahr können sich 20 junge Erwachsene im Alter von 18 - 28 Jahren auf den Weg nach Afrika, Lateinamerika oder Asien machen, um für ein Jahr in Projekten mitzuarbeiten. Bewerben können sich Interessierte mit handwerklich-technischen, pädagogischen oder auch organisatorischen Fähigkeiten. Der Dienst ist anstelle von Zivildienst möglich. Die Freiwilligen sind verpflichtet, an Seminaren vor, während und nach dem Einsatz teilzunehmen.
Nähere Informationen zu den Einsatzplätzen und zum Bewerbungsverfahren finden Sie unter
Einen Erfahrungsbericht von unserer weltwärts-Freiwilligen Ann Judith Lienemann in Nicaragua können Sie hier lesen
Ann Judith Lienemann arbeitet im Projekt „miriam“ mit, einem Bildungsprojekt zur Frauenförderung in Managua, der Hauptstadt des mittelamerikanischen Landes Nicaragua. Ihre Arbeits-schwerpunkte sind die Büroarbeit und die Unterstützung der Stipendiatinnen, die „miriam“ betreut. Ihre Eindrücke über den Alltag außerhalb ihrer Arbeit schildert sie uns in einem kurzen Bericht:
"Ein Junge rutscht in abgerissenen Hosen auf Knien durch den Bus ab Mercado Oriental. Ein bunter Trinkbecher nach oben gereckt, zur aufrechten Welt. Doch kaum ein Centavo landet darin. Schließlich
findet er einen Platz unter einem Bussitz. Das Gesicht verzerrt, vor Tränen, vor Schmerz? Die kleine Hand findet ihren Weg in die Hosentasche. Ein Metallröhrchen kommt zum Vorschein. Ein kurzes Schniefen, und Momente später sinkt der Kopf gegen die harte Wand des Busses. Für den Augenblick ist er dieser Welt entkommen.“ - So drückte sich mein derzeitiger Mitbewohner aus, um die Bilder, die uns hier tagtäglich auf der Straße begegnen, zu verarbeiten.
Im ersten Moment fühlt man sich wie in einem Film, wenn man in den alten amerikanischen Schulbussen durch die dreckige Hauptstadt Nicaraguas fährt, wenn man auf die Straßen blickt und Kinder Autoscheiben putzen sieht, oder wenn Menschen in abgewetzter Kleidung schlafend irgendwo im Schatten liegen. Wie das Leben hier wirklich ist, bekommt man als Freiwillige mittlerweile mehr und mehr mit.
Ich nehme jeden Morgen den Bus, muss mich zwischen den aufdringlichen Taxifahrern hindurch schlängeln, die schon fast brutal auf mich einreden „Taxi? Taxi, Chelita?“ Im Bus: jede Sekunde die Tasche im Auge behalten. Auf dem Weg zur Arbeit kaufe ich mir noch eine Tüte voll mit frischem Obst bei einer der vielen Straßenverkäuferinnen. Feierabend, ich warte auf den Bus – ein betrunkener Mann kommt angetorkelt und bewundert meine Muttermale, der andere ruft mir hinterher „Chelita, how beautiful“; ein bisschen Machismo hier und ein bisschen Machista dort. Der Alltag der Mädchen, die ich hier bis jetzt kennengelernt habe, besteht darin, ihre Kinder zu versorgen, zu arbeiten und zur Kirche zu gehen. Die Familie nimmt eine sehr wichtige Rolle ein, und der Mann hat immer noch die Stellung des Chefs im Haus.
Dass die Menschen hier um jeden Cordoba kämpfen, realisiert man erst recht, wenn man auf einem der vielen riesigen Märkten hier in Managua unterwegs ist, oder wenn man zufällig mit dem Taxi durch ein armes Barrio, ein Stadtviertel, fährt. Schlamm löst die feste Straße ab, Müll säumt die Häuser, und Straßenhunde wühlen im Dreck. Erschreckend anders sind dann die riesengroßen, überteuerten Malls. Art: amerikanisch, welche fast menschenleer sind und sich neben den Barrios reihen. Tatsächlich wird die Situation hier in dem zweitärmsten Land Lateinamerikas immer
bedenklicher. Vor ein paar Wochen erst wurde festgestellt, dass die Finanzkrise eine geringe Nachfrage auf die wichtigsten Exportprodukte des Landes zur Folge hat. Knapp 500.000 Kinder besuchen nicht die Schule. Im Gegensatz zum Vorjahr gehen damit 30.000 Kinder weniger in die Schulen. Außerdem werden Entwicklungsgelder als Reaktion auf den Wahlbetrug verringert.
Eine wunderschöne Erfahrung ist aber jedes Mal die Herzlichkeit und Offenheit der Menschen, denn Gastfreundschaft wird hier sehr groß geschrieben, und auch unter den einfachsten Lebensbedingungen denken die Menschen immer an das Wohlbefinden ihrer Gäste. Immer wieder bekomme ich Visitenkarten in die Hand gedrückt mit der Bitte doch mal vorbeizukommen, oder auf der Arbeit werden mir exotische Früchte mitgebracht, damit ich alles einmal probieren kann. Mein Favorit: Maracuja auslöffeln.
Aber eigentlich gibt es immer Gallo Pinto, Reis und Bohnen, morgens und abends gemischt und mittags getrennt serviert, dazu eine Tortilla, ein Stück Käse und frittierte Bananen. Ich entdecke immer wieder neue Dinge, über die ich eine Zeit lang staune, aber man gewöhnt sich doch erschreckend schnell an die neue Lebenssituation, und schon nach 2 Monaten kann ich mir eine Straße ohne Hunde oder ein Mittagessen ohne Bohnen gar nicht mehr vorstellen.
Wie ich meine 2 Monate Nicaragua zusammenfassen würde? Dieses Land ist faszinierend und ich freue mich auf die nächsten 10 Monate.
Ann Judith Lienemann
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Sa - 05.11.2011 (+) 







