Welche Produkte können fair beschafft werden?

Als großer Auftragsgeber mit umfassendem Auftragsvolumen kommt der öffentlichen Hand in Deutschland eine bedeutende Rolle und Verantwortung zu. Allein in NRW kaufen Land, Kommunen und Landschaftsverbände für rund 50 Mrd. Euro ein und verfügen damit über eine große Einkaufsmacht.
 

In der öffentlichen Wahrnehmung geraten immer mehr Produkte in die Kritik, die aus ausbeuterischer Kinderarbeit stammen oder unter sozialen Missständen produziert wurden.

 

Zur Einschätzung von Produkten gibt es für verschiedene Produktgruppen Zertifikate. Eine Übersicht über empfehlenswerte Siegel findet sich hier.

Arbeitskleidung und Textilien

 

Die großen Textilunternehmen und Arbeitsbekleidungshersteller der Industrieländer lassen ihre Produkte insbesondere in Billiglohnländern Lateinamerikas, Afrikas, Asiens und Osteuropas herstellen, um auf diesem Weg ökologischen und sozialen Standards zu entgehen und Geld zu sparen. In den Nähfabriken und auf den Baumwollfeldern gelten unmenschliche Arbeitsbedingungen, von zu langen Arbeitszeiten bis hin zur nichtexistenzsichernden Löhnen und Drohungen gegenüber den ArbeiterInnen. Bei der Gewinnung von Baumwolle selbst ist Kinderarbeit auf den Plantagen keine Seltenheit.

So nehmen auch Kommunen billigend in Kauf, dass Arbeitskleidung z.B. für öffentliche Betriebe, Kantinen oder Krankenhäuser zu unmenschlichen Arbeitsbedingungen hergestellt und billig eingekauft werden.

 

Fotos: Christliche Initiative Romero; Jakob Erhardt/pixelio.de

Lebensmittel für den Gastronomiebereich

 

Tee- oder KaffeepflückerInnen erhalten oft von Zwischenhändlern ungerechte Preise und arbeiten unter schlechten Bedingungen auf Plantagen. Die öffentliche Hand profitiert von diesen Missständen, indem Kantinen, Ganztagsschulen oder soziale Einrichtungen billige Lebensmittel einkaufen

Fair gehandelter Kaffee garantiert einen Mindestpreis für die Bauern in sog. Ländern des Südens, mit dem sich die eigene Existenz und die der Familie sichern lässt. Er gibt z.B. die Möglichkeit, dass Kinder eine Schulausbildung bekommen, statt auf den Plantagen arbeiten zu müssen.

Da Tee weniger von Kleinbauern, sondern vielmehr von privatwirtschaftlich geleiteten Plantagen angebaut wird, geht es dort um die Verbesserung der Arbeitsbedingungen und faire Entlohnung der ArbeiterInnen auf den Plantagen.

Weitere Produkte, bei denen ähnliche Bedingungen herrschen, sind Bananen, Orangen, Kakao und Zucker.

 

Foto: Cord/FA!R/Messe Westfalenhallen Dortmund

IT- und Telekommunikation

In vielen Billiglohnländern werden Rohstoffe gewonnen, Komponenten gefertigt und Elektroschrott entsorgt. Gesundheitsgefährdungen und Verstöße gegen internationales Arbeitsrecht sind an der Tagesordnung. Die öffentliche Verwaltung in Deutschland nutzt auf diese Weise hergestellte IT- und Telekommunikationsprodukte wie Computer, Laptops und Mobiltelefone.

 

Nach einer Studie der Vereinten Nationen werden bei der Produktion eines Computers etwa 240 kg fossile  Brennstoffe, 1500 Liter Wasser und 22 kg chemische Produkte verbraucht.

In der Branche gelten vorwiegend unwürdige Arbeitsbedingungen. Viel zu lange Arbeitszeiten, gesundheitliche Schäden durch giftige Stoffe, die in der Herstellung freigesetzt werden und Löhne, die die Lebensgrundlage der Arbeiter nicht decken können.

Besonders die Gewinnung von Metallen wie Blei, Kupfer, Tantal und Coltan kann sowohl für die Umwelt als auch für die Arbeiter schwerwiegende Folgen haben. Beim Abbau in den Minen sickern Metalle in die Erde und können das Grundwasser vergiften. das Verletzungsrisiko der Arbeiter ist durch unzureichende Sicherheitsmaßnahmen sehr hoch.

 

Ende September 2013 ist die internationale Website der neuen Initiative Electronics Watch online gegangen.

Sie ermöglicht es ITK Beschaffern in Europa, ihre Marktmacht und ihren Marktanteil für die Verbesserung der Lebensbedingungen von ArbeiterInnen in der Elektronikindustrie in Niedriglohnländern einzusetzen.

Initiiert wurde Electronics Watch von sieben europäischen NGOs (SETEM, Südwind Agentur, WEED, Fundacja Centrum CSR.PL, Danwatch, People&Planet und SOMO) mit dem Ziel, die bereits vorhandenen EU Verordnungen zu sozial verantwortlicher öffentlicher Beschaffung in die Tat umzusetzen.

 

Eine Fall-Studie von 2013 der Organisation WEED gibt Auskunft über die Situation der ArbeiterInnen bei Dell-Zulieferern in China.

Ein Video der Organisation Danwatch wurde während der Recherche-Arbeiten in China gedreht.

 

WEED hat 2015 den ausführlichen Bericht "Die globalisierte Informations- und Kommunikationsbranche. Einflussmöglichkeiten der öffenlichen Beschaffung auf die Arbeitsbedingungen entlang der Lieferkette" veröffentlicht. Darin wird auch auf das Land NRW als Einkäufer von IKT-Produkten eingegangen.

 

Erste Produkte sind auf dem Markt erhältlich, bei welchen die Rohstoffgewinnung und der Fertigungsprozess unter unabhängig kontrollierten Bedingungen erfolgt. Dazu gehören eine Computermaus von Nager-IT sowie ein faires Smartphone von "Fairphone".

 

Fotos: LFS; Responsible Resourcing Network/flickr.com

Natur- und Grabsteine

In Indien, China oder Vietnam verrichten Kinder und Erwachsene Zwangsarbeit ohne Schutzkleidung in Steinbrüchen. Wenn Menschen bereits im Kindesalter in solchen Steinbrüchen arbeiten müssen, haben sie eine durchschnittliche Lebenserwartung von 35 Jahren. Neben Unfällen und Verletzungen besteht auch das hohe Risiko einer chronischen Lungenerkrankung (Quarzstaublunge), die vom entstehenden Steinstaub hervorgerufen wird. Etwa 126 Mio. Kinder arbeiten weltweit mehrere Stunden täglich an schädlichen und gefährlichen Arbeitsplätzen.

In Deutschland werden 80% der öffentlichen Plätze, Friedhöfe, das Baugewerbe sowie der Landschafts- und Gartenbau mit Natursteinen aus ausbeuterischer Kinderarbeit versorgt.

 

Fotos: LFS; Pütter/MISEREOR

Holz

Weltweit unkontrollierter Raubbau, illegaler Einschlag in Wäldern, Verletzung von Menschenrechten und Belastung der Umwelt werden hingenommen, damit in Deutschland Holz hoher Qualität zu niedrigsten Preisen für das Baugewerbe, den Landschafts- und Gartenbau sowie für öffentliche Plätze zur Verfügung steht. Schätzungen gehen davon aus, dass jährlich ein Waldbestand von 15 Mio. Hektar unwiderruflich zerstört wird. Die Überproduktion von Holzprodukten, bei der der Waldbestand durch Aufforstung nicht aufrecht erhalten werden kann, und die unzureichende Verwendung von recycelten Beständen trägt über kurz oder lang zu einem Verschwinden der Wälder weltweit bei, nimmt Lebewesen die Lebensgrundlage und treibt den Klimawandel weiter an.

Darüber hinaus werden Naturwälder abgeholzt (und z.B. zu Zellulose verarbeitet), und stattdessen schnellwachsende Plantagen (wie Kiefer oder Eukalyptus) hochgezogen, die alle 15 Jahre "geerntet" werden.

 

Fotos: Rettet den Regenwald e.V./Karl Ammann; bagal/pixelio.de

Blumen

Nur jede fünfte Blume, die in Deutschland gekauft wird, wurde auch hier angebaut. Von den importierten Blumen kommen etwa 80% aus den Niederlanden. Das bedeutet allerdings nicht, dass diese Blumen auch dort angebaut wurden. Der größte Anteil wird von Ländern des Südens in die Niederlande importiert. Besonders große Exportländer sind z.B. Kolumbien, Ecuador, Kenia, Simbabwe und Südafrika.

 

Auf den Blumenplantagen rund um die Welt stehen Menschen- und Arbeitsrechtsverletzungen auf der Tagesordnung. Den ArbeiterInnen werden keine hinreichenden Schutzkleidungen zur Verfügung gestellt und oft verdienen sie weniger als 1 $ pro Tag. Durch die Verwendung von Pestiziden wird auch die Umwelt stark belastet.

In der öffentlichen Beschaffung werden solche Blumensträuße als Präsente und Dekoration bei Festveranstaltungen verwendet.

 

Fotos: FIAN Deutschland; FA!R 2012/Messe Westfalenhallen Dortmund

Spielzeug

Etwa zwei Drittel der Spielzeuge in Deutschland werden in China hergestellt. Die ILO-Kernarbeitsnormen werden in den Produktionsstellen aber nicht eingehalten. Zu lange Arbeitszeiten, kein Koalitionsrecht, unwürdige Arbeitsbedingungen und unzulängliche Sicherheitsbestimmungen sind überall zu finden. Besonders gefährlich sind die austretenden Giftstoffe, die bei der Produktion von Spielzeug freigesetzt werden.

Dieses Spielzeug ist schließlich auch in öffentlichen Kindergärten und Kindertagesstätten zu finden.

 

Foto: Cord/FA!R/Messe Westfalenhallen Dortmund

Kautschuk

Der Naturstoff Kautschuk, aus dem z.B. Fußballbälle hergestellt werden, ist überwiegend in Südamerika, China und Südostasien zu finden. Gewonnen wird der Stoff hauptsächlich aus dem Haveabaum, aber auch aus anderen Pflanzen.

Er wird zu Gummi oder Latex verarbeitet und vulkanisiert. Somit ist das Material auch in Autoreifen oder Handschuhen zu finden. Auch wenn inzwischen Kunststoffe für die Herstellung von Gummiprodukten benutzt werden, ist Kautschuk für einige Produkte wegen der einzigartigen Beschaffenheit unverzichtbar.

Im öffentlichen Einkauf wird der faire Handel von Kautschuk in Schulen, Sportplätzen sowie bei Büromaterial (Radiergummis usw.) relevant.

 

Foto: Cord/FA!R/Messe Westfalenhallen Dortmund

Leder

Durch den hohen Fleischkonsum dient die Lederindustrie auch als Entsorgungsweg für die Fleischindustrie. Die Lederherstellung und Gerberei gehen einher mit vielen Abfallprodukten und belasten die Abwässer. Leder wird mit chemischem Salz haltbar gemacht, das dann während der Waschvorgänge in den Wasserkreislauf einläuft. Auch während der Chromgerbung geraten chromhaltige Stoffe in das Trinkwasser und in die Nahrungskette, wenn keine geeigneten Kläranlagen vorhanden sind. Vor allem in den heute größten Gerbereiländern in Südostasien ist der technische Stand nicht gegeben um die Lederherstellung gesundheitsverträglich für Umwelt und ArbeiterInnen zu gestalten.

Das Leder findet sich in Arbeitskleidung, z.B. Handschuhen und Arbeitsschuhen.

 
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