„Wir sind einfach 25 Jahre weiter als damals“

Das Dokumentationszentrum und Museum über die Migration in Deutschland (DOMiD) in Köln wurde 1990 als Selbstorganisation von Migrant/innen gegründet. Heute verfügt DOMiD über eine bundesweit einzigartige Sammlung an sozial-, kultur- und alltagsgeschichtlichen Zeugnissen zur Geschichte der Einwanderung nach West- und Ostdeutschland. Unser Fachpromotor  Serge Palasie führte ein Gespräch mit Dr. Robert Fuchs (li.) von DOMiD über Flucht und Migration aus historischer Perspektive.

 

 

Herr Dr. Fuchs, sehen Sie Parallelen bzw. Unterschiede in Bezug auf die Migrations- und Fluchtbewegungen der 1990er Jahre und heute?

 

Generell muss man mit historischen Vergleichen immer vorsichtig sein. Die frühen 1990er Jahre waren von Unsicherheit und einer hohen Arbeitslosigkeit geprägt. Durch Flüchtlinge infolge des Balkankriegs und durch viele sogenannte Aussiedler bzw. Spätaussiedler stieg die Zahl der Einwanderer stark an. Zwischen den pogromartigen Zuständen in den 1990er Jahren - von Rostock über Hoyerswerda bis hin zu Solingen – und heute, gibt es leider Parallelen. Ein großer Unterschied zu heute: Im Gegensatz zu den 1990er Jahren besteht heute ein breites zivilgesellschaftliches Engagement für Geflüchtete.

 

Das Stichwort lautet Willkommenskultur – wir sind einfach 25 Jahre weiter als damals und bei vielen konnte sich mittlerweile die Erkenntnis durchsetzen, dass Deutschland ein Einwanderungsland ist und wir diese auch brauchen. In den 1990er Jahren machte man sich weniger Gedanken darüber, wie eine dauerhafte Struktur zur „Integration“ etabliert werden könne.

 

Eine weitere Parallele ist, dass die Regierung versucht, die Zahlen der Menschen, die zu uns kommen wollen, zu senken, anstatt die Bevölkerung für steigende Flüchtlingszahlen zu sensibilisieren. Damals wurde der sogenannte Asylkompromiss erlassen (1993) und auch heute werden wieder mehr oder weniger willkürlich sogenannte sichere Herkunftsstaaten festgelegt. Auch damals gab es steigende Sympathiewerte für das rechte Parteienspektrum. Der Unterschied hier: Die Nutzung von Social Media – eine Reaktion wie nach Sylvester hätte es Anfang der 1990er Jahre gar nicht geben können.

 

 

Serge Palasie (li.): Wie kann Erinnerungskultur zu einer Steigerung des allgemeinen Verständnisses für Flucht und Migration beitragen?

 

Geschichtspolitik ist Erinnerung, die institutionell auf Dauer gestellt wird – in Büchern, Gedenkstätten, Museen, Gedenktagen etc. Im Gegensatz dazu gibt es informelle Formen der Erinnerung, die beispielsweise als familiäres Gedächtnis von Generation zu Generation weitergegeben werden. Geschichtspolitik kann einen ganz wesentlichen Einfluss auf das allgemeine Verständnis von Flucht und Migration haben, und zwar, weil es einen Zusammenhang zwischen Erinnerung und Identität gibt.

 

Wir leben in einer Gesellschaft, in der 20 Prozent der Menschen einen sogenannten Migrationshintergrund haben und in den Großstädten sogar 50 Prozent der Kinder. Aber in der offiziellen Geschichtspolitik tauchen diese Menschen nur unzureichend auf. Ein Beispiel: 2015 wurden 25 Jahre Deutsche Wiedervereinigung und der 70. Jahrestag des Endes des Zweiten Weltkriegs groß begangen. Aber 2015 war auch der 60. Jahrestag des ersten „Gastarbeiterabkommens“. Hierfür fanden kaum vergleichbare Maßnahmen seitens der Politik statt. Und dass, obwohl die Geschichte der“ Gastarbeiterinnen und Gastarbeiter“ für die aktuelle Gesellschaft eine große Prägekraft hat und eine entsprechende Würdigung dazu beitragen könnte, dass die gemeinsame Geschichte stärker wahrgenommen wird.

 

Geschichtspolitik kann in zwei Richtungen wirken: Zum einen dahin, dass Menschen mit sogenanntem Migrationshintergrund die Teilhabe an der de facto gemeinsamen Geschichte ermöglicht wird, was wiederum Einfluss auf Aspekte der Identität und dem Zugehörigkeitsgefühl haben kann. Die andere Richtung zielt auf die sogenannte Mehrheitsgesellschaft, der vermittelt wird, dass wir in einer Migrationsgesellschaft leben und Geschichte multiperspektivisch zu denken ist. Wie erlebten beispielsweise Kinder italienischer Einwanderer das Sommermärchen 2006, als Italien in Deutschland Weltmeister wurde? Oder wie erlebten die Nachfahren türkischer Einwanderer die Deutsche Wiedervereinigung?

 

Neben diese Ebene des Zusammenhangs zwischen Erinnerung und Identität tritt noch die Ebene der reinen Wissensvermittlung. Das heißt beispielsweise, dass Deutschland schon immer auch von Zwangsmigration geprägt wurde, etwa nach 1945 die Fluchtbewegungen aus den ehemaligen Ostgebieten oder die politische Flucht aus der ehemaligen DDR.

 

Welche aktuellen DOMiD- Projekte gibt es zum Thema Flucht?

 

Das Thema Flucht ist für DOMiD seit der Gründung ein ganz wesentliches Feld, zu dem gearbeitet wird, weil einige der Gründungsmitglieder politische Flüchtlinge aus der Türkei waren. Daher gab es schon immer eine gewisse Sensibilität für das Thema. Ein Beispiel dafür: In unserem Bestand von historischen Sammelobjekten befindet sich das erste Kleid, das eine in den 1990er Jahren geflohene Kongolesin in Deutschland geschneidert hat, nachdem sie als gelernte Schneiderin während des mehrjährigen Asylverfahren keiner Arbeit nachgehen durfte. Ihre Tochter hat im Übrigen vor Kurzem ihr Abitur gemacht.

 

Ein aktuelles Projekt zum Thema Flucht ist „Flüchtlinge? Menschen!“, für das eine Mitarbeiterin von uns in Ludwigshafen Interviews mit Geflüchteten führte und dies mit entsprechenden Fotos dokumentierte. Gerade überlegen wir, in welcher Form die Ergebnisse publiziert werden sollen. Zur Debatte stehen eine Broschüre oder eine Ausstellung. Jedenfalls sind externe Mittel dazu notwendig.

 

Das zweite Projekt haben wir in Rheine durchgeführt. In Flüchtlingsheimen konnten wir mit Geflüchteten sprechen und ihre Lebenssituation vor Ort fotografisch festhalten. Uns ist wichtig, jetzt zu dokumentieren, wo die Situation akut ist, damit nichts verloren geht. Das sehen wir als unsere Aufgabe an.

 

Sehr geehrter Herr Dr. Fuchs, wir danken Ihnen für das Gespräch!

 

Das Gespräch wurde am 19. Februar 2016 geführt.

 

 

Die Gründung von DOMiD erfolgte vor dem Hintergrund einer feindseligen Grundstimmung und den verbreiteten Wünschen in Teilen der deutschen Gesellschaft nach einer Rückkehr der türkisch-stämmigen Bevölkerung. Die Wahrnehmung, die in der Gesellschaft vorherrschte, war die, dass Deutschland kein Einwanderungsland sei. Entsprechend befassten sich weder die Wissenschaft noch Museen mit dem Thema Migration.

 

DOMiD wollte als Reaktion darauf die Einwanderungsrealität(en) Deutschlands festhalten und erinnerungspolitische Arbeit leisten, nicht zuletzt um diese Realität in das Bewusstsein der sogenannten Mehrheitsgesellschaft zu tragen und dort zu verankern.

 

Ein zentrales Anliegen von DOMiD stellt seit der Gründung daher die Einrichtung eines zentralen Migrationsmuseums dar, das zeigt, wie die Migration unseren Alltag prägt. Der Beitrag von Migrantinnen und Migranten soll dadurch eine Würdigung erfahren und vielen Menschen die Teilhabe an „der“ gemeinsamen Geschichte ermöglicht werden. Das Museum soll also kein Einwanderungsmuseum, sondern ein Museum der Migrationsgesellschaft sein. Dadurch soll es in beide Richtungen wirken, wobei der zentrale Fokus darauf liegt, wie Migration das Leben der Gesamtgesellschaft beeinflusst.

 

Heute ist DOMiD in Fachkreisen als Kompetenzzentrum zur historischen Migrationsforschung etabliert. Der Verein berät Journalistinnen und Journalisten, Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler und kooperiert mit Stiftungen, Kulturämtern sowie insbesondere Archiven und Museen. Gerade in der musealen Darstellung von Migration konnte DOMiD einen reichen Erfahrungsschatz aufbauen. Unterstützt wird DOMiD von einem hochrangig besetzten Beirat, dem neben zahlreichen international anerkannten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern auch Mitglieder des "Sachverständigenrats deutscher Stiftungen für Integration und Migration" angehören. Das Land NRW und die Stadt Köln sichern den Regelbetrieb des DOMiD Archivs finanziell ab.

 

www.domid.org

 

Dr. Robert Fuchs

 

Studium der Geschichte, Politikwissenschaften und Germanistik in Köln und England. Im Deutschen Auswandererhaus in Bremerhaven machte er ein zweijähriges Volontariat. Dort hatte er den ersten Kontakt zum Thema. Später promovierte er zum Heiratsverhalten deutscher Migrantinnen und Migranten in den USA im 19. Jahrhundert. Ursprünglich plante er im Rahmen seiner Promotion das deutsche Heiratsverhalten in den USA mit dem türkischen Heiratsverhalten in Deutschland zu vergleichen, wodurch er 2006 erstmals mit DOMiD in Kontakt trat. Herr Dr. Fuchs war zunächst freiberuflich tätig (u.a. Erstellen von Unternehmensbiographien), bevor er im Januar 2013 zu DOMiD kam, wo er für das virtuelle Migrationsmuseum zuständig war. Mittlerweile ist Herr Dr. Fuchs Projektkoordinator für den Aufbau des realen Migrationsmuseums.

 
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