Kommentierung Nachhaltigkeitsstrategie.NRW 2026
Der Entwurf der Nachhaltigkeitsstrategie.NRW 2026 mit dem Titel „Leben in Nordrhein-Westfalen“ enthält aus Sicht des Eine Welt Netz NRW viele positive Aspekte und weist zugleich einige eklatante Leerstellen auf. Besonders bedauerlich ist aus unserer Sicht, wie wenig der Bereich der globalen Verantwortung darin berücksichtigt wird.
Positive Aspekte des Entwurfs
Das Eine Welt Netz NRW bewertet den Entwurf in formaler und struktureller Hinsicht sehr positiv. Der Entwurf besticht durch eine kommunikative Darstellungsform. Die Bebilderung und kompakte Bündelung von Informationen in Abbildungen ist ansprechend und erhöht die Lesefreundlichkeit. Die Gliederung ist schlüssig und die Verwendung von Transformationsbereichen und Hebeln wird als übergeordnete Struktur sehr positiv bewertet, da sie NRW-spezifische Themen bündelt und Komplexität reduziert. Die Strategie stellt die NRW-Nachhaltigkeitspolitik deutlich in den Rahmen der Agenda 2030 und der 17 globalen Nachhaltigkeitsziele (SDGs). Die Qualität der Ziele hat zugenommen, viele Zielformulierungen werden als differenzierter und „SMARTer“ (spezifisch, messbar, erreichbar, relevant, zeitgebunden) wahrgenommen.
Besonders positiv hervorzuheben ist die allgemeine Verschränkung von sozialer und ökologischer Nachhaltigkeit, der verstärkte Fokus auf Demokratie und politischer Beteiligung – unter besonderer Erwähnung der Wichtigkeit von Jugendbeteiligung (z. B. #MitmischenNRW), die Benennung des Kohleausstiegs 2030 als klares Ziel sowie die Aufwertung des Themenkomplexes Klimaanpassung, Natur und Ressourcen als eigener Transformationsbereich. Diestarke Betonung von Bildung für nachhaltige Entwicklung (BNE) ist aus der Perspektive des Eine Welt Netz NRWs ebenso mehr als begrüßenswert. Als eigener Transformationsbereich wird Bildung für Nachhaltige Entwicklung ausführlich diskutiert und mit Maßnahmen veranschaulicht.
Zentrale Kritikpunkte und Leerstellen
Trotz der strukturellen Verbesserungen sieht das Eine Welt Netz NRW erhebliche Defizite im Bereich der internationalen Verantwortung und globalen Solidarität. Konkrete Maßnahmen internationaler Kooperation (z.B. Städtepartnerschaften mit dem Globalen Süden, Programme der Entwicklungszusammenarbeit, Eine Welt-Aktivitäten) werden nur punktuell oder gar nicht beleuchtet. Die solidarische Idee der Einen Welt fehlt im Entwurf nahezu komplett. Das bisherige Ziel zur global nachhaltigen Entwicklung durch Eine Welt-Politik ist gestrichen worden, auch die Stärkung zivilgesellschaftlicher Aktivitäten im Bereich der Nachhaltigkeit und internationaler Zusammenarbeit durch das Eine Welt-Promotor*innenprogramm und durch die Stiftung Umwelt und Entwicklung Nordrhein-Westfalen findet keine Erwähnung mehr.
Das Ziel „Partnerschaften zur Erreichung der Ziele“ (SDG 17) konzentriert sich nun primär auf Sportgroßveranstaltungen und Internationalisierung in der Wissenschaft, statt auf globale Verantwortung. Ziel war zudem der Erhalt der entsprechenden Landesprogramme auf angemessenem Niveau. Der Indikator, der die Ausgaben für Entwicklungszusammenarbeit (z. B. Kommunale Entwicklungszusammenarbeit, Konkreter Friedensdienst) maß, ist in der Strategie 2026 nicht mehr enthalten. Die Indikatorik zu SDG 17 konzentriert sich nun auf Studierende aus Entwicklungsländern, Einfuhren aus LDCs und Sportgroßveranstaltungen. Der Aspekt der globalen Verantwortung wird somit wesentlich weniger adressiert und die Fokussierung der Zielsetzung erscheint sehr einseitig.
Fazit und Forderungen
Aus Sicht des Eine Welt Netz NRWs muss die Strategie dringend nachgebessert werden, um dem Anspruch NRWs als global verantwortungsvoll agierender Akteur und Vorbild unter allen deutschen Bundesländern gerecht zu werden.
Wiederaufnahme entwicklungspolitischer Ziele
Die Streichung von Indikatoren zur Eine Welt-Politik wird von uns sehr kritisch gesehen, da NRW damit seine globale Mitverantwortung weniger adressiert. Daher plädiert das Eine Welt Netz NRW dringend für eine Wiederaufnahme entwicklungspolitischer Ziele.
Globale Perspektive stärken
Vielfalt und Migration sollten als Brücke für globale Bezüge und Innovationspotenziale begriffen werden. Bislang kommen Menschen mit internationalen Biografien in der Nachhaltigkeitsstrategie nur in begrenztem Maße sichtbar vor, obwohl sie für Nordrhein-Westfalen von zentraler Bedeutung sind. Als Bundesland, in dem Menschen aus rund 185 Nationen leben, prägen internationale Perspektiven, transnationale Erfahrungen und mehrsprachige Kompetenzen Gesellschaft, Wirtschaft und Zivilgesellschaft in besonderer Weise. Diese Vielfalt ist ein wesentlicher Erfolgsfaktor für nachhaltige Entwicklung, da sie globale Bezüge stärkt, Innovationspotenziale eröffnet und Brücken zwischen lokalen und internationalen Handlungsebenen schlägt. Eine zukunftsgerichtete Nachhaltigkeitsstrategie sollte diese Perspektiven daher stärker berücksichtigen, sichtbar machen und gezielt in Beteiligungs-, Kommunikations- und Umsetzungsprozesse einbinden.
Zusammenfassend lässt sich sagen: Während die Strategie in einzelnen Handlungsfeldern (z.B. bei BNE und Klimaanpassung) moderner und handlungsfähiger wirkt, droht sie im Bereich der internationalen Solidarität und Partnerschaft massiv an Profil und Substanz zu verlieren.
Zusatzbemerkung: Internationalität sichtbar machen – auch bildlich
Die Realität NRWs als einwohnerstärkstes Bundesland, in dem mehr als 30% eine Migrationsbiografie haben, sollte auch bildlich dargestellt werden. Es gibt insgesamt 57 Fotos auf denen Menschen klar zu erkennen sind. Auf 55 Fotos befinden sich nur weiße Menschen. Auf lediglich zwei Fotos befinden sich nicht-weiße Menschen. Die Auswahl an Fotos ist somit absolut konträr zu den Lebensrealitäten in NRW und den Inhalten der Nachhaltigkeitsstrategie, in der Diversity, kulturelle Vielfalt, soziale Gerechtigkeit betont wird. Bilder tragen zur Identifikation bei und sollten so ausgewählt werden, dass sich ein möglichst breites Publikum darin wiederfindet.










